Der Beitrag geht auf einen öffentlichen Literaturabend im Januar 2026 in der Loge „Zum Aufbruch an der Hunte“ i. O. Oldenburg zurück.

Oldenburg. Thomas Mann macht aus der Freimaurerei im „Zauberberg“ kein Lehrstück, sondern ein literarisches Schlachtfeld der Ideen. Zwischen Aufklärung und Mysterium, Humanismus und Radikalität geraten Settembrini und Naphta in einen Streit, der weit über den Roman hinausweist. Und plötzlich zeigt sich: Die Frage, was Freimaurerei ist, war schon vor hundert Jahren alles andere als harmlos.

Von Bruder Dr. phil. Lothar Jegensdorf und Bruder Eckhard Kühl, Loge „Zum Aufbruch an der Hunte“ i. O. Oldenburg

Anlässlich des vor 100 Jahren veröffentlichten Romans Der Zauberberg“ sind die beiden Verfasser zusammen auf Spurensuche gegangen und haben die von Thomas Mann in den Roman eingearbeitete freimaurerische Thematik analysiert. Ihre Ergebnisse stellten sie im Januar 2026 erstmals während eines öffentlichen Literaturabends in der Freimaurerloge „Zum Aufbruch an der Hunte“, i. O. Oldenburg vor.

Neben ihrer Interpretation aus freimaurerischer Sicht haben sie in einer zwischengeschalteten Dialog-Lesung die sogenannten maurerischen Plaudereien des Romans präsentiert. Im Folgenden referieren sie einige ihrer Erkenntnisse.

Einleitung

Dieses von Thomas Mann als Dokument der europäischen Seelenverfassung und geistigen Problematik im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts bezeichnete Werk ist von gewaltigem Ausmaß. Es ist bemerkenswert, dass der wohl bekannteste deutsche Dichter der jüngeren Vergangenheit, der Weltliteratur, geschrieben hat, sich auf etwa zehn Druckseiten ausschließlich der Freimaurerei zuwendet, denn es ist ein nicht wenig schwieriges und zugleich strittiges Thema.

Thomas Mann war kein Freimaurer, wohl aber waren mehrere seiner Vorfahren Mitglieder der Lübecker Loge „Zur Weltkugel“. Die Rolle der Freimaurerei in Deutschland war während des Ersten Weltkrieges und danach in Deutschland hoch umstritten. Seine Kenntnisse über die Freimaurerei gewann er durch intensive Lektüre zeitgenössischen Schrifttums. Für das Verfassen des Freimaurerkapitels im „Zauberberg“ hat er aktuelle Zeitschriftenaufsätze und Buchveröffentlichungen über die Freimaurerei ausgiebig genutzt, und zwar solche, die der Freimaurerei feindlich gegenüber gesonnen waren, aber auch solche, die sachlich über die Freimaurerei aufklärten.

Thomas Mann hat die Freimaurer-Thematik und auch einen der Protagonisten erst nach Wiederaufnahme des Schreibens des Romans zu Beginn der 20er Jahre in den „Zauberberg“ eingebracht. Inspiriert wurde er auch durch die Lektüre einer germanistischen Dissertation über die Trivialromane des 18. Jahrhunderts, die erstaunlich häufig in der Welt der Freimaurerei angesiedelt sind. Aus den genannten Veröffentlichungen hat Thomas Mann zahlreiche freimaurerischen Sachverhalte zum Teil wörtlich übernommen, ohne sie als solche zu kennzeichnen – ein legitimes Verfahren in der fiktionalen Literatur, denn der Autor wolle ja kein Sachbuch über die Freimaurerei verfassen.

Den Plan zum „Zauberberg“ fasste Thomas Mann im Jahre 1912, als er seine Frau Katja im damaligen „Sanatorium Berghof“ in Davos besuchte, die während eines sechsmonatigen Aufenthaltes einen Lungeninfekt ausheilte. Er selbst wohnte im Tal. Der Fußweg zum Sanatorium führte ihn am Haus der heute noch bestehenden Loge „Humanitas“ vorbei.

Positionswechsel

In seinen Betrachtungen eines Unpolitischen (1918) vertritt Thomas Mann die damals in Deutschland weit verbreitete These, der Weltkrieg sei eine Verschwörung der internationalen Freimaurerei, die von Juden dominiert sei, gegen Deutschland. Die Demokratien in England und Frankreichs seien ein Ergebnis der Französischen Revolution. Mitinitiatoren aller nachfolgenden demokratischen Verschwörungen seien Freimaurer und Illuminaten, die Übertragung demokratischer Ideen auf Deutschland sei eine Verfälschung deutschen Wesens.

Thomas Mann, hineingeboren in das Wilhelminische Zeitalter, verteidigte zunächst die kaiserliche Monarchie des Deutschen Reiches. Gleichwohl ändert er nach der Niederlage Deutschlands wenige Jahre später sein politisches Selbstverständnis und wird zu einem glühenden Anhänger der Demokratie, sodass er 1922 seine Rede an die Deutsche Jugend mit dem Ruf Es lebe die Demokratie beenden kann.

Auch seine zunächst radikale Ablehnung der Freimaurerei ist einer erheblichen Veränderung unterworfen. Im „Zauberberg“ gibt es keine Hinweise mehr darauf, dass durch die Freimaurerei irgendeine Bedrohung für Deutschland und die deutsche Kultur ausgehen könne. Vielmehr wird in der Gestalt des Settembrini die Freimaurerei zu einem Sprachrohr der humanistisch-demokratischen Gesellschaftsidee.

Literarische Einbindung

Die maurerischen Plaudereien bestehen aus zwei Gesprächen, unterbrochen durch Kommentare des Erzählers und Einreden Hans Castorps, der Hauptfigur des Romans, dem „blauäugigen Weltkind“ aus dem Flachland, der ursprünglich nur drei Wochen seinen Vetter im Sanatorium besuchen wollte, aber sieben Jahre dortblieb.

Thomas Mann verteilt im Roman die Beschreibung freimaurerischer Phänomene und Entwicklungen auf zwei Romanfiguren, den Jesuiten Leo Naphta und den Freimaurer Luigi Settembrini, die mit ihren unterschiedlichen Ansichten jeweils versuchen, Castorp auf ihre Seite zu ziehen. Der angeschlagene Ton der beiden Protagonisten ist hitzig, radikal und kompromisslos. Was über die Freimaurerei in jeweils einseitiger und überzeichneter Art behauptet wird, ist zugespitzt.

Ins direkte Gespräch miteinander, etwa um ihre jeweilige Auffassung von Freimaurerei abzugleichen, kommen Naphta und Settembrini nicht, wenngleich sie in mehreren Situationen im Roman über ihre unterschiedlichen Auslegungen in Wortgefechte und heftigsten Streit bis aufs Blut geraten. Sie verkörpern im wahrsten Sinne des Wortes unversöhnliche Gegensätze. Vor Hans Castorp, aber hinter dem Rücken des jeweils anderen, der abwesend ist, diskreditieren sich die beiden Streithähne; Settembrini spricht von Naphtas geistigem Wesen als von „etwas Teuflischem“, und Naphta bezeichnet Settembrinis Auffassung von der Freimaurerei als „armseligen Geisterspuk“.

Weder der Erzähler noch Hans Castorp schlagen sich auf eine der Seiten. Damit ist eine grundsätzliche philosophisch-literarische Haltung Thomas Manns charakterisiert: Er vertritt eine Weltoffenheit nach verschiedenen Seiten hin, durch die er ein Mehr an Objektivität auch für den Leser zu gewinnen trachtet. Wer den Zauberberg liest, muss zwischen den Zeilen lesen, das Vorher und Nachher einer erzählten Situation bedenken und den Wandel eines Motivs im Erzählablauf verfolgen. Diese multiperspektivische Ironie am Beispiel der Freimaurer-Thematik zu durchschauen, das Nichtgesagte oder das durch eine spätere Variation Relativierte sich bewusst zu machen und bei der Romanlektüre durchzuhalten, erfordert vom Leser ein nicht unerhebliches Maß an Kraftanstrengung.

Settembrini: Vertreter der aufklärerisch-politischen Freimaurerei

Für Luigi Settembrini, einen italienischen Literaten und Humanisten, gründet die Freimaurerei in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Er ist Freimaurer und leitet als Meister vom Stuhl eine italienische Loge. Im Namen der Freimaurerei setzt er sich für Humanismus, Menschenrechte und die Reduzierung menschlichen Leides ein. Er erwartet die „Morgenröte einer allgemeinen Völkerverbrüderung“ im Sinne einer zu vollendenden Humanität.

Er huldigt der Vernunft, glaubt an die Selbstvervollkommnung des Menschen und an den Fortschritt zu einem allgemeinen Endzustand der Güte und des Glücks. Wie sehr Settembrini den Maurergedanken politisch auffasst, zeigt die Tatsache, dass er, um die Bedeutung des Bundes zu illustrieren, die Namen berühmter Freimaurer nennt. Dabei fällt auf, dass es sich ausschließlich um Personen der Politik handelt.

Naphta: Vertreter der mystischen Hochgrad-Freimaurerei

Für Naphta, der kein Freimaurer ist, sich aber als weit besser informiert versteht, ist die Freimaurerei im Wesentlichen ein Mysterienbund. Naphta ist Rabbinersohn, Konvertit und ehemaliges Mitglied des Jesuitenordens. Seine konservative, gleichwohl sozialrevolutionäre Totalitarismus-Utopie ist eine seltsam konstruierte Mischung aus Judentum, frühchristlichen Liebesidealen, militantem Katholizismus und kommunistischen Versatzstücken. Als religiöser Fundamentalist glaubt er an einen herbeizuführenden Gottesstaat, denn Vernunftglaube, Aufklärung, weltbrüderliche Gesinnung und demokratische Ideen hätten in der Moderne versagt.

Intellektuell-radikal interpretiert er die Freimaurerei in erster Linie als mystisches, sakrales und rauschhaft-bacchantisches Geschehen. Quellen der Freimaurerei sind für ihn: antike Mysterienkulte, die Alchemie, die Bewegung der Rosenkreuzer, der mittelalterliche Templerorden, freimaurerische Hochgradsysteme (Strikte Observanz) und die sakramentale Realsymbolik der katholischen Kirche. Freimaurerische Bildung wird von ihm in alchemistischen Prozessen als Läuterung, Stoffverwandlung, Stoffveredelung und Transsubstantiation interpretiert.

Diese heterogenen, insgesamt anti-aufklärerischen Elemente sind für ihn Zeichen freimaurerischer Lebenskraft und Hochblüte der Freimaurerei. Für Naphta ist die religiös-mystische Freimaurerei die ursprüngliche und eigentliche. Settembrini dagegen sieht diese als Rückfall und Verderbnis an.

Der unbefangene und freimaurerisch unkundige Leser dürfte sich fragen: Wer hat recht in diesem so heftig geführten Streit?

Freimaurerische Zwischenbilanz

Der Roman erstattet keinen objektiven Bericht über die Freimaurerei. Er macht es dem freimaurerisch unkundigen Leser unmöglich, die vom Autor nur mit Stichworten angedeuteten freimaurerischen Phänomene zu verstehen und einzuordnen. Er nebelt ihn quasi mit Begriffen und Schlagworten ein. Wer sich kundig machen will, muss zu einem freimaurerischen Lexikon greifen oder zumindest Wikipedia konsultieren.

Die in Deutschland damals wie heute am weitesten verbreiteten Variante der auf die jeweilige Person bezogenen Freimaurerei (Stichwort: Arbeit am eigenen rauen Stein) wird im „Zauberberg“ nicht thematisiert. Thomas Mann lässt deren zentrale Intention außen vor, Freimaurerei als Kunst zu verstehen, sein Leben in Symbolen zu spiegeln und durch Selbstreflexion im Bruderkreis zu klären, um es ethisch, sozial und eigenverantwortlich zu gestalten.

Wir dürfen also nicht einfach für bare Münze nehmen, was die beiden Streithähne – es sind ja literarische Kunstfiguren – aus ihrer je diametral entgegengesetzten Sicht über die Freimaurerei äußern. Einige Beispiele:

  • Dass die Tempelritter Mystiker und Alchimisten waren, wie Naphta behauptet, ist historisch nicht belegbar. Dass eine historische Kontinuität von mittelalterlichem Templerorden und Freimaurerei bestehe, ist bereits auf dem Wilhelmsbader Konvent von 1782 widerlegt worden.
  • Dass die freimaurerischen drei Rosen auf den Maurerschürzen Hinweise auf ehemalige bacchantisch-sexuelle Festorgien wären, die Strikte Observanz gemeinsam mit der christlichen Kirche eine deutliche Beziehung zu heiligen Ausschweifungen der frühesten Menschheit hätte, ist ebenfalls der poetischen Eingebung des Autors zuzuschreiben.

Auf den Vorwurf Thomas Mann, zeichne ein Zerrbild der Freimaurerei, entgegnet er in einem Brief vom 15. Mai 1930 an den Münchener Justizrat und Freimaurer Friedrich Ballin:

„Sie müssen nicht glauben, daß es Unkenntnis der reinen und edlen Ueberlieferungen der deutschen Maurerei war, die im Zauberberg das Wort führte. Woran Sie Anstoß genommen haben und wohl Anstoß nehmen mussten, ist eben nur der radikale und überpointierte Charakter der Diskussion zwischen Naphta und Settembrini, die ja beide Extremisten sind und alles auf eine lebenswidrige Spitze treiben. […] Aber die Meinung des Autors [Anmerkung des Autors: Thomas Manns] ist das nicht.“

Thomas Mann weiß also über die Freimaurerei mehr und er weiß es besser als die beiden von ihm erfundenen Romanfiguren. Es ist ein kompositorischer Grund, der ihn veranlasst hat, die gegensätzlichen Charaktere und ihre erregten Diskussionen über die Wurzeln der Freimaurerei auf Kosten der historischen Wahrheit zu inszenieren. Er führt dem Leser vor Augen, dass extreme Positionen und ihr Zusammenprall lebensfeindliche Auswirkungen haben. Die in den Kreisen der Brüder symbolisch und real praktizierte humanitär-ethisch-philosophische Freimaurerei hat sich für eine dramatische Inszenierung offenbar nicht geeignet; Thomas Mann wollte einen Roman der europäischen Krise mit ihren inhärenten zerstörerischen Extremismen schreiben.

Indem er freimaurerische Ausprägungen aufgreift und auf zwei Antipoden verteilt, trifft Thomas Mann allerdings auf etwas, das für die historische wie heutige Freimaurerei symptomatisch und richtig ist. Denn die Freimaurerei insgesamt ist charakterisiert durch doppelte Bezüglichkeiten von

  • Aufklärung und Geheimnis,
  • begrifflicher Klarheit und meditativer Versenkung,
  • Rationalität und Ritualität,
  • nach außen gerichtetem Engagement und
  • Versenkung in das innere Selbst, geistiger Arbeit und initiatorisch-mystisch-esoterischen Symbolhandlungen.

Die in den Figuren von Naphta und Settembrini als unvereinbar beschriebenen Gegensätze gehören als Zwillingspaare in der freimaurerischen Realität aber zusammen. Sie präsentieren zwei, aber nicht die einzigen Grundströmungen innerhalb der europäischen Freimaurerei, die nebeneinander, konkurrierend und auch ineinander verschlungen existieren. Die Freimaurereien (Plural) der Zeiten und Länder umfassen große Gegensätze und lassen darum dem Einzelnen die Freiheit, welchem geistigen Typus er sich – seinem Wesen entsprechend – anschließen will.

Diese Dialektik, die im Roman aufgezeigt wird, findet sich in allen freimaurerischen Systemen bzw. Lehrarten und Richtungen. Sie ist zugleich organisatorisch-schwerpunktmäßig verteilt: einerseits auf die dreigradige blaue Freimaurerei und andererseits auf die verschiedenen Varianten der sog. Hochgrad-Freimaurerei (Große Landesloge von Deutschland, Große National-Mutterloge Zu den Drei Weltkugeln, Alter und Angenommener Schottischer Ritus). In zahlreichen Logenhäusern arbeiten beide freimaurerische Systeme unter einem Dach.

Der Zauberberg“ – ein Initiationsroman?

Hans Castorp macht im Roman als einzige Person eine Entwicklung durch. Das Sanatorium erweist sich als eine Art Grab und Gruft. Als ziemlich durchschnittlicher Mensch betritt er mit Neigungen zum Lotterleben das Sanatorium, ein Reich von vielfältigen Abgründigkeiten. Es gleicht einem Laboratorium mit einer Atmosphäre aus Krankheit, Tod, Belehrung und Amüsement.

Während eines Schneesturms sieht Hans Castorp sich der Nähe des Todes ausgesetzt, er liefert sich ihm aber nicht aus. Ebenso wenig wie er Naphta und Settembrini Herrschaft über seine Gedanken beim Thema Freimaurerei gewinnen lässt, räumt er dem Tod eine Herrschaft über sich ein. Erst als er das „Sinngeflecht von Leben und Tod“ für sich annimmt, ist er reif für das Leben: Er erkennt Tätigkeiten für leidende Menschen als ethischen Wert an.

Thomas Mann selbst stellt in einer Einführung in den „Zauberberg“, einer Vorlesung, gehalten vor amerikanischen Germanistikstudenten der Universität Princeton im Jahre 1939, einen Zusammenhang zwischen dem Bildungsweg seines Romanhelden Hans Castorp und dem Weg eines Freimaurers her. Er charakterisiert seinen Roman als Initiationsroman. Hans Castorps Entwicklung sei die Geschichte einer Steigerung und das Sanatorium eine Abwandlung des Tempels der Initiation.

Ist das Sanatorium das tatsächlich? Während zweier Tagungen der Forschungsloge „Quatuor Coronati“ 2021 und 2025 wurde von Freimaurern diese Selbstinterpretation Thomas Mann aufgegriffen, bestätigt und weitergehend präzisiert. Demgegenüber jedoch ist festzuhalten: Die freimaurerische Initiation ist eindeutig definiert, folgt einem vorgegebenen Ritual und ist stets in den Kreis der Brüder eingebettet.

Der entscheidende Reifungspunkt Castorps ereignet sich in der Einsamkeit eines Schneesturms. Die Aneignung sonstiger neuer Erfahrungs- und Wissensbestände erfolgt in der überreizten Welt des Sanatoriums und ist ausgesprochen zufällig. Die Situationen, denen er sich ausgesetzt sieht, sind keine zielgerichteten Lebensetappen, die von ihm zu durchschreiten sind. Das Bergsanatorium kann schwerlich als ein Tempel der Humanität bezeichnet werden. Es ist vielmehr eine ungeordnete Gegenwelt, die gegen Endes Romans der Auflösung und Selbstvernichtung entgegentaumelt.

Die freimaurerische Vereinnahmung des „Zauberbergs“ in dem Sinne, dass er ein Roman einer Initiation sei, der grundlegende Aspekte und Praktiken der Initiation aufweise, ist höchst fraglich, wenn man als maßgebliche Grundlage die Struktur zentraler Akte der freimaurerischen Initiation heranzieht.

Lehren aus dem „Zauberberg“ für Freimaurer

Erstens: Es gilt, sich von den unterschiedlichen Varianten der historischen und gegenwärtigen Freimaurerei nicht gefangen nehmen zu lassen. Es gibt nicht die eine Freimaurerei, sondern sie ist – bildhaft gesprochen – ein Baum mit vielen Wurzeln und zahlreichen Ästen. Indem Naphta und Settembrini ihre je spezielle Sicht unversöhnlich gegeneinanderstellen, verkennen sie die tatsächliche Vielgestaltigkeit der Freimaurerei.

Zweitens: Der Freimaurer als Romanleser ist herausgefordert, sich durch die komplexen Erscheinungen der Freimaurereien durch- und herauszuarbeiten und auf der Grundlage seines erworbenen Wissens einen eigenen Standpunkt zu entwickeln. Für historisch und freimaurerisch kundige Leser dürfte es ein detektivisches Vergnügen sein, die freimaurerischen Fäden auseinanderzudröseln, sie für sich richtigzustellen und/oder zu ergänzen.

Drittens: Thomas Mann fühlt der Freimaurerei und dem freimaurerischen Leser des Romans mit einer gewissen Lust auf den Zahn. Die Kritik, die Naphta an der Freimaurerei Settembrinischer Prägung übt – sie sei eine „bourgeoise Misere in Klubgestalt“ sollte Freimaurern zu denken geben. Er tadelt die Erstarrung der rituellen Arbeiten zu äußeren Formen („Hokuspokus“), in denen ideale Gedanken zu billigen Worten geworden und höhere Bildung sowie Einkommen Voraussetzungen seien, um „zum Bauplatz des Menschheitstempels zugelassen zu werden“. Das sind in der Tat generelle Gefährdungen in der Freimaurerei, denen sie nicht immer standgehalten hat.

Die politische Kontroverse Naphta – Settembrini

Gleichzeitig eröffnet sich im Roman durch die beschriebenen Freimaurereien ein Blick auf größere gesellschaftliche Zusammenhänge. Denn in den Figuren der beiden Protagonisten kämpfen zwei antagonistische Prinzipien um die Vorherrschaft und Deutungsdominanz: Glaube gegen Vernunft, Kollektivismus gegen Individualismus, Autokratie gegen Demokratie, Asien (Osten) gegen Europa (Westen).

Damit gewinnen ihre individuellen Streitigkeiten eine staatsphilosophische, eine europäische und, wenn man den beginnenden Weltkrieg am Ende des Romans berücksichtigt, eine geopolitische Dimension: Castorp sieht sich in diese Auseinandersetzungen der beiden Streithähne hineingezogen und von den Kontrahenten zur Entscheidung genötigt.

„Der Zauberberg“ spiegelt eine grundlegende gesellschaftspolitische Kontroverse, die unabhängig von Zeitumständen relevant ist, damals wie heute. Im Ringen um Antworten auf die Frage nach der richtigen politischen Grundorientierung eröffnet der Roman mit der Figur des Freimaurers Settembrini den Blick auf eine demokratisch-liberale Entwicklung in Europa und darüber hinaus.

Damit ist der Roman gleichzeitig für das begonnene 21. Jahrhundert von hoher Aktualität. Denn in der gegenwärtigen Weltlage lässt sich die Zunahme autoritär strukturierter Staaten beobachten, die die bestehenden Demokratien unter Druck setzen. Und selbst innerhalb westlicher Staaten erstarken autoritäre Bewegungen, die die jeweilige demokratische Grundordnung gefährden. Es wäre sehr beruhigend, würden sich mehr „Settembrinis“ zu Wort melden.

Schlussbemerkung

Das hundertste Jubiläum der Romanveröffentlichung kann als Aufforderung begriffen werden, ihn zum ersten Mal zu Ende oder wiederholt zu lesen. Letzteres empfiehlt Thomas Mann ausdrücklich, weil sich dann das Vergnügen des Lesers recht eigentlich erst einstellen könne. Wir leben – wie damals auf dem „Zauberberg“ – in einer Zeit großer Konflikte und Aufgeregtheiten. 1000 Druckseiten sind eine Herausforderung in einer kurzatmigen Zeit. Die Lektüre des Romans ist in jedem Fall ein reizvolles Unterfangen und ein poetisches Abenteuer für Freimaurer wie Nichtfreimaurer.

Illustration zum Streit um die Freimaurerei in Thomas Manns „Zauberberg“. Collage: Gipi/jrh

Thomas Mann, „der Zauberberg“ und die Freimaurerei

Thomas Mann veröffentlichte „Der Zauberberg“ 1924. In dem Roman widmet er sich auf mehreren Seiten ausdrücklich der Freimaurerei – vor allem im ideologischen Schlagabtausch zwischen dem Humanisten Luigi Settembrini und dem Jesuiten Leo Naphta.

Die Oldenburger Autoren zeigen, dass Thomas Mann dabei keine neutrale Darstellung liefert, sondern literarisch zugespitzte Gegensätze inszeniert. Gerade darin liegt für sie die anhaltende Faszination des Romans: Er beschreibt nicht „die“ Freimaurerei, sondern macht ihre Spannungen sichtbar – zwischen Aufklärung und Geheimnis, Ritual und Vernunft, innerer Sammlung und gesellschaftlichem Engagement.

Zu den Autoren

Bruder Dr. phil. Lothar Jegensdorf studierte Germanistik und Katholische Theologie, promovierte in Neuerer Literaturwissenschaft und unterrichtete an Gymnasien. Er war Direktor beim Niedersächsischen Landesinstitut für Lehrerfortbildung in Hildesheim.

Freimaurer seit fast 50 Jahren in der Johannisloge „Zur Ceder“ (Hannover), arbeitet seit einigen Jahren in der Freimaurerloge „Zum Aufbruch an der Hunte“ (Oldenburg). Literarisch-freimaurerische Darstellungen und Vorträge zu Lessing, Goethe, Tucholsky und Thomas Mann.

Bruder Eckhard Kühl
Studierte Sozialpädagogik und Wirtschaft und arbeitete als Stadtjugendpfleger, Fachdienstleiter und Sozialpädagoge in verschiedenen Sozialen Diensten.

Freimaurer seit 10 Jahren in der Freimaurerloge „Zum Aufbruch an der Hunte“, war dort Redner, ist Altstuhlmeister der Loge und Zugeordneter Distriktmeister Bremen. Vorträge und Zeichnungen u.a. zu Demokratie und Freimaurerei, zur Ausrichtung der deutschen Großlogen vor der dunklen Zeit, zum Humanismus, zum GBAW und Atheismus, jetzt in Gemeinschaftsarbeit zu Thomas Mann.