Eine Zeichnung von Br. Benedikt Pulsfort

Podcast Freimaurer-Spaziergang, Folge 122: Die Kunst der Frage
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Liebe Brr,

es wird erzählt, dass Sokrates nicht in Schulen lehrte und keine Vorträge hielt. Er stellte sich auf dem Marktplatz, mitten unter die Menschen, dort, wo das Leben laut war, die Meinungen widersprüchlich und die Gemüter schnell erhitzen. Er stritt mit Händlern, Politikern und Handwerkern, und zwar nicht um zu siegen, sondern um zu verstehen. Seine stärkste Waffe hierbei war nicht das bessere Argument, sondern die Frage.

Wenn wir heute auf unseren eigenen Marktplätzen schauen, egal ob in der Öffentlichkeit, den Medien oder im direkten Gespräch, dann scheint sich etwas verändert zu haben. Wir sprechen viel, doch wir hören wenig. Wir widersprechen schnell, doch fragen selten. Streit ist allgegenwärtig, aber Erkenntnis bleibt häufig aus.

Auch unter uns Brüdern erleben wir es. Gerade als Geselle stehen wir mitten in dieser Arbeit: Hinter uns der schweigsame Lehrling, vor uns der verantwortende Meister, der entscheidet. Eine schöne, aber auch durchaus schwere Zeit; nicht selten haben wir Gesellen das Gefühl den Logenalltag schon allzu gut zu kennen und möchten uns beweisen. Wir verlassen erstmals das Mutterschiff, gehen auf Reisen und Erheben unser Wort. Meiner Meinung nach ist das gut so. Um es mit Erich Kästners Worten zu sagen: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

Wo Menschen arbeiten, entstehen allerdings auch Spannungen. Wo Überzeugungen aufeinandertreffen, entsteht Streit. Die Frage ist also nicht, ob wir streiten, sondern wie. Die meisten Menschen sind leider sehr destruktiv beim Streiten. Oft wird mit ein paar Sätzen etwas zerstört, das eben nicht mit ein paar Sätzen wieder gut zu machen ist, oder vielleicht auch nie wieder. Der US- amerikanische Verhaltenspsychologe John Gottman fand heraus, dass es für eine stabile Beziehung eines Verhältnisses von mindestens fünf positiven zu einer negativen Erfahrung bedarf. Ein einzelner Satz kann schwer wiegen: Sagt man im Affekt zu seiner Partnerin, dass sie sich genauso verhalte wie ihre Mutter, dann glaubt mir liebe Brr., daran erinnert sich die Partnerin noch lange.

Die Sätze, die hierbei den Mund verlassen, sind vergleichbar mit einem Stein, den man wirft von dem man in der Sekunde, in der er die Hand verlässt, wünscht man könnte ihn noch aufhalten, zurückholen, Hauptsache ihn daran hindern das Ziel zu erreichen und alles kaputtzumachen. Für die jüngeren Brr.
unter uns ist es vielleicht eher wie eine WhatsApp-Nachricht, bei der uns genau in dem Augenblick, in dem sie abgeschickt ist, klar wird: Scheiße, falscher Empfänger!!

Sich in solchen Momenten zu beherrschen und eine faire, einvernehmliche Lösung zu finden, ist vor allem aber schwer, weil man sich bekanntlich immer in den unpassendsten Momenten streitet. Gerade dann, wenn der Stress der Woche meinen Kopf ohnehin schon fast zum Platzen bringt, passt die Beschwerde des Gegenübers so gar nicht in meinen Kram.

Nicht ohne Grund wird Maß im Ritual nicht als passives Ideal verstanden, sondern als aktive Disziplin: Nicht alles, was gesagt werden kann, muss gesagt werden. Nicht jede Wahrheit muss jetzt gesagt werden. Und nicht jede Provokation verdient eine Antwort.

Selbst wenn uns das gelingt, wirken oft psychologische Verzerrungen. Eine davon ist der Confirmation Bias (Bestätigungsfehler). Er beschreibt die Tendenz, Informationen bevorzugt wahrzunehmen, die die eigene Überzeugung stützen. Wer etwa glaubt, dass alle Raser auf der Autobahn BMW fahren, wird künftig genau diese Fahrzeuge besonders häufig wahrnehmen.

In einer Situation, in der wir gemeinsam ein Problem lösen wollen, ist das wenig hilfreich. Hinzu kommt Eitelkeit. Wer gut argumentieren kann, besitzt Macht. Jeder, der das Prinzip eines Debattierclubs kennt, der weiß, dass man Menschen nicht nur durch Inhalt, sondern auch durch eine bessere Rhetorik, passende rhetorische Mittel und eine bessere Struktur der Argumentation beeindrucken und für sich gewinnen kann.

Im ersten Moment könnte man hierbei meinen, dass diese Macht, gut debattieren zu können, immer zu etwas guten genutzt werden sollte und das auch dafür genutzt werden dürfte, ganz nach dem Thema: Der Zweck heiligt die Mittel. Im zweiten Moment fällt aber auf, dass das Nutzen von solchen Stilmitteln mir einen unfairen Vorteil verschafft, durch den ich praktisch allein entscheide, dass die Meinung bzw. Argumentation des anderen nicht von belangen ist. Natürlich ist es nicht verwerflich, gut reden zu können und Menschen durch Ausdruck und Sprache mitzureißen. Problematisch wird es dort, wo Stilmittel wie Strohmann-Argumente oder reine Gefühlsargumente eingesetzt werden, um Tatsachen zu verdrehen und sich selbst als Rechthabenden darzustellen.

Solche Mittel mögen im beruflichen Kontext mitunter hilfreich sein, für tiefe Beziehungen zu Freunden, Familie oder Mitbrüdern sind sie jedoch Gift. Das Gespräch befindet sich zu diesem Zeitpunkt durch meine alleinige Entscheidung nicht mehr auf Augenhöhe. Es sollte hierbei immer um den Inhalt und nur den Inhalt gehen.

Beginnen wir jedoch, uns ehrlich mit dem Kern eines Problems zu beschäftigen, dann ist Streit etwas Positives. Denn das Problem bestand bereits und nun arbeiten wir daran, es zu lösen. Oder anders gesagt: Wo alle gleich denken, wird nicht gebaut. Auch das ist einer der Gründe, warum man diesen Konflikt immer annehmen sollte. Ja, auch ich habe gelernt, dass es Probleme gibt, die nur die Zeit lösen kann. Zu dieser Erkenntnis sollte man aber beim bestehenden Problem erst gekommen sein, nachdem man sich mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Wer sich vor einem Konflikt scheut, der scheut sich auch vor einer gesunden Bindung.

Gerade unter uns Brüdern sollten wir uns stets bewusst sein, dass wir am selben Bau arbeiten. Wir alle schwingen die Kelle, damit der Mörtel uns verbindet. Dieser Mörtel ist, wie so häufig, Toleranz. Der Bruder ist nicht seine Meinung, und Fehler in seiner Argumentation machen ihn nicht zu einem Fehler als Mensch.

Darüber hinaus muss es nicht einmal immer zum Streit kommen, wenn ein Problem besteht. Ich glaube, ein Großteil unserer Konflikte entstünde gar nicht erst, wenn wir weniger eitel wären und besser kommunizierten. Ich wünsche mir tagtäglich, dass Menschen mehr nachfragen. Es gibt viele Techniken, um ein Gespräch zu entschärfen: häufiger das Wort „Ich“ zu nutzen, um die Konversation persönlicher zu gestalten und Distanz zu verringern, oder man wiederhole die Aussagen des anderen, damit dieser sich gehört und verstanden fühlt.

Doch als Gesellen sind wir zu mehr aufgerufen. Wir sind dazu aufgerufen, neben uns zu schauen. Den anderen anzusehen. Uns wirklich mit ihm zu befassen. Nicht um ihn zu behauen, wir müssen uns ja schließlich erst selbst behauen, sondern um eben uns selbst zu behauen. „Der Dumme weiß alles besser, der Normale lernt aus seinen Erfahrungen und der Kluge lernt aus allem und von jedem“ sagte eben auch Sokrates.

Ein solches für mich aufklärendes Erlebnis hatte ich selbst zu Beginn meiner Lehrlingszeit. Auf einer Arbeitsreise verstand ich mich gut mit einem muslimischen Kollegen. An einem geselligen Abend erklärte er in Anwesenheit anderer Kollegen, wie falsch es seiner Ansicht nach sei, schwul zu sein. Während links und rechts von mir bereits Kollegen aufsprangen, versuchte ich, die Situation zu beruhigen und ihn anzuhören. Ich verurteilte ihn zu diesem Zeitpunkt nicht. Ich war schlicht neugierig, wie ein Mensch auf solche Gedanken kommen könnte. Es gelang mir, die Rolle des Moderators einzunehmen und Fragen zu stellen, die ihn nicht angriffen. Wir sprachen eine Zeit lang – auf eine, wie ich finde, maurerische Art und Weise – und trennten uns schließlich im Guten. Ich hatte ihn nicht von meinem Standpunkt überzeugt, aber wir gingen respektvoll auseinander und ich hatte ihn meiner Auffassung nach zum Nachdenken angeregt. Das wäre alles sicher nicht möglich gewesen, hätten wir uns ihm gegenüber verschlossen und ihn abgestempelt. Erst am nächsten Tag wurde mir klar, wie schön ich dieses Gespräch gefunden habe und auch wie stolz ich mich fühlte so zu handeln.

Ein zwar kleines, aber wirklich positives Ereignis, an das ich mich häufiger zurückerinnere, um daraus meine Lehren zu ziehen.

Liebe Brr., ich habe gelernt, dass ich durch Fragen nicht schwächer werde, sondern stärker. Dass ich nichts verliere, wenn ich zuhöre, außer vielleicht mein vorschnelles Urteil.

Wenn wir diese verlorene Kunst der Frage wieder pflegen, dann verändern wir nicht nur Gespräche, sondern uns selbst. Und genau darin liegt unsere Arbeit.

Zum Autor
Br. Benedikt Pulsfort (23) studiert Maschinenbau an der RWTH Aachen. Die Zeichnung „Die verlorene Kunst der Frage“ entstand als sein Meisterstück in der Loge „zum Aufbruch an der Hunte“ im Orient Oldenburg.