Von Bruder Prof. Dr. Heinz-Uwe Hobohm, Loge „Wilhelm zu den drei Helmen“, Orient Wetzlar // bearbeitete Kurzfassung von Jürgen Herda – die Vollversion des Autors ist unter Freimaurerei.de

Wetzlar. Bruder Gotthold Ephraim Lessing – Aufklärer, Dramatiker, Freimaurer. In „Ernst und Falk. Gespräche für Freimaurer“ (1778) lässt der Dichter der Toleranz die beiden Protagonisten über Wesen und Missverständnisse der Freimaurerei disputieren. Was zunächst wie ein philosophischer Dialog anmutet, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als geistiger Weckruf – auch für die Gegenwart.

Schon im ersten Gespräch der beiden Freunde wird der Spannungsbogen deutlich. Das ältere Logenmitglied Falk gibt dem Suchenden Ernst auf seine Frage nach dem Wesen der Freimaurerei zu verstehen, dass diese weniger in der Zugehörigkeit zu einer Loge als in der inneren Haltung bestehe – nicht die formale Mitgliedschaft, sondern die geistige Überzeugung und das sittliche Streben machten den wahren Freimaurer aus.

Zwischen Aufnahme und Erkenntnis

Bruder Gotthold Ephraim Lessing macht klar: Ein Freimaurer wird man nicht durch Aufnahme allein – sondern durch Erkenntnis. Gemeint ist hier nicht Welterkenntnis, sondern Selbsterkenntnis – jene tiefe, mystische Erfahrung, die viele spirituelle Traditionen als unio mystica kennen.

„Auch ich war an der Quelle und schöpfte“, schreibt Bruder Gotthold Ephraim Lessing an Carl Wilhelm Ferdinand Herzog von Braunschweig. Es ist die Quelle des inneren Wissens – jenseits von Ritualen, Zeichen und Titeln. Falk, der Erkennende, konfrontiert Ernst, den Fragenden, mit der These: Wer das Wesen der Freimaurerei erkennt, braucht keine Aufnahme – und wer aufgenommen wurde, ist deshalb noch lange kein Freimaurer.

Worte – ein unzureichendes Medium

Bruder Gotthold Ephraim Lessing spielt in den Dialogen mit einem fundamentalen Dilemma: Das Eigentliche kann nicht gesagt, nur erfahren werden. Die Sprache ist ein Werkzeug – doch sie bleibt stets Annäherung. „Die wahren Taten der Freimaurer sind so groß“, heißt es bei Falk, „dass ganze Jahrhunderte vergehen können, ehe man sagen kann: das haben sie getan.“

Diese Taten – im Innersten motiviert von bedingungsloser Liebe, Demut und Achtsamkeit – seien nicht zur Selbstdarstellung geeignet. Sie geschehen anonym, unsichtbar, folgen keinem Ego. Falk spricht vom „Tun ohne Erwartung“ – einem Ideal, das in vielen mystischen Schulen als höchste Tugend gilt.

Kritik an der freimaurerischen Praxis

Bruder Gotthold Ephraim Lessing spart nicht mit Kritik. Die Logen, so legt er nahe, verlieren sich in Formen und Formalitäten – während der spirituelle Kern verkümmert. Jene, die aufnehmen, seien oft selbst nicht eingeweiht in das Wesentliche. Die, die es erkannt haben, könnten es nicht weitergeben – nicht aus Arroganz, sondern weil sich wahre Erkenntnis der Sprache entzieht.

In einer Welt, in der das Ritual oft zum Selbstzweck wird, mahnt Bruder Gotthold Ephraim Lessing: Nicht das Symbol ist die Wahrheit – sondern die Erfahrung hinter dem Symbol.

Spirituelle Selbsterkenntnis als freimaurerischer Auftrag

Die Interpretation von Prof. Dr. Heinz-Uwe Hobohm schlägt den Bogen in die Gegenwart: Die Forderung „Erkenne dich selbst“ – zentraler Gedanke nicht nur bei Heraklit und Buddha, sondern auch in der Freimaurerei – werde heute kaum gelebt.

Der Autor verweist auf moderne mystische Lehrer wie Eckhart Tolle oder Ramana Maharshi, die den Weg zur Selbsterkenntnis beschreiben: über Meditation, Achtsamkeit, Beobachtung des Ego. Die Freimaurerei, so Prof. Dr. Heinz-Uwe Hobohm, habe hier einen Nachholbedarf – sowohl in der Reflexion als auch in der Praxis.

Bruder Gotthold Ephraim Lessing – Aufklärer und Mystiker zugleich

„Die Freimaurerei war immer“, lässt Bruder Gotthold Ephraim Lessing Falk sagen. Damit meint er nicht die Institution, sondern das menschliche Streben nach geistiger Freiheit, nach innerer Wahrheit, nach einem Miteinander jenseits sozialer Schranken.

Freimaurerei – so gesehen – ist nicht exklusiv. Sie ist ein Erkenntnisweg, offen für jeden, der bereit ist, sich selbst zu begegnen. Und damit, so Prof. Dr. Heinz-Uwe Hobohms Fazit, eine Aufgabe, der wir nur gerecht werden, wenn wir den Mut haben, tiefer zu fragen – und still zu werden.


Bruder Gotthold Ephraim Lessing und „Ernst und Falk“

Bruder Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781), einer der bedeutendsten Vertreter der deutschen Aufklärung, wurde 1771 in Hamburg in die Loge „Zu den drei Rosen“ aufgenommen – wenn auch auf inoffiziellem Weg. Seine Beziehung zur Freimaurerei war ambivalent: Während er von ihren ethischen Idealen tief überzeugt war, zeigte er sich zugleich kritisch gegenüber ihrer formelhaften Praxis.

In seinem philosophischen Dialog „Ernst und Falk. Gespräche für Freimaurer“ – erstmals vollständig erschienen 1780 – entfaltet Bruder Gotthold Ephraim Lessing auf fünf Gesprächsstationen ein anspruchsvolles Gedankengebäude über das Wesen der Freimaurerei. Dabei begegnet der unbefangene Fragende Ernst dem reflektierten, aber nicht dogmatischen Falk, der sich als maurerischer Aufklärer im besten Sinn erweist.

Bruder Gotthold Ephraim Lessing diskutiert in diesem Werk zentrale Themen: den Unterschied zwischen Aufnahme und Erkenntnis, den spirituellen Gehalt freimaurerischer Arbeit, die Grenzen sprachlicher Vermittlung, das Spannungsfeld von Ritual und Geist – und nicht zuletzt die ethische Verantwortung gegenüber der Gesellschaft.

„Ernst und Falk“ ist bis heute ein Schlüsseltext humanitärer Freimaurerei – und ein eindrucksvolles Zeugnis jener Synthese aus Aufklärung, Toleranz und innerer Suche, für die Gotthold Ephraim Lessing als Dichter wie als Bruder steht.