Mainz. Drei Lichter tragen das Dach der Loge: Weisheit, Stärke, Schönheit. Und mehr noch: das Selbstverständnis freimaurerischer Arbeit. Zwischen Urteilskraft, Tatkraft und Harmonie entfaltet sich ein Bau, der nie vollendet ist. Und vielleicht liegt gerade in der Leerstelle seine tiefste Wahrheit.

Von Bruder Frank Marschall, Loge „Die Freunde zur Eintracht“ i. O. Mainz

Einleitung und Vorbemerkung

Das Dach unseres Tempels ruht auf drei Säulen. Diese Säulen tragen die kleinen Lichter der Freimaurerei. Keine Loge wird geöffnet, ohne diese Lichter der Weisheit, der Stärke und der Schönheit auf den Säulen unserer Loge zu entzünden.

Anlässlich einer Zeichnung hatte ich mit meinem bescheidenen Hämmerchen versucht, an den Säulen unseres Tempels ein wenig zu klopfen und sie aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Ich lud also meine lieben Brüder zu einem Rundgang um unseren Tempel ein. Dabei richteten wir einen besonderen Blick auf die drei kleinen Lichter der Freimaurerei und die Säulen, die diese Lichter und das Dach unserer Loge tragen.

Für meine Zeichnung und diesen Text habe ich Worte und Gedanken anderer Autoren aufgegriffen und frei interpretiert, ohne die Urheber jeweils zu nennen. Die Ideen und Erkenntnisse der anderen habe ich mit eigenen Worten, Interpretationen und Inspirationen verändert, erweitert und gelegentlich im selben Satz vermischt. Es steht dem Leser frei, alles, was ihm in dem entstandenen Text unwahr oder unzutreffend erscheint, zu verwerfen und zu widersprechen. Ich bitte nur um faires Gehör und um ein unvoreingenommenes Urteil.

Das Licht der Weisheit

Im Osten erleuchtet morgens die aufgehende Sonne die Welt. Hier steht die Säule, die das Licht der Weisheit trägt. Man sagt, sie sei dem Meister vom Stuhl zugeordnet, der die Loge eröffnet und die Arbeiten anordnet. Diese Säule symbolisiert die Planung und die geistige Leitung unserer Loge.

Weisheit leite den Bau.“

Weisheit ist Urteilskraft. Sie erlaubt zu unterscheiden zwischen dem Machbaren und dem Unabänderlichen, zwischen dem Erreichbaren und der Illusion, zwischen Gut und Böse, zwischen Wohl und Wehe.

Weisheit ist auch die Anerkennung unserer Herkunft und ihrer Erkenntnisse, sie ist die klare, unverstellte Sicht auf die Gegenwart und sie ist eine leitende Idee für die Zukunft.

Die Weisheit der Loge hat viele Väter. Jeder Bruder trägt mit gesundem Menschenverstand und Lebenserfahrung bei. Sie verbindet die einzelnen Vorstellungen der Brüder von Moral, von den guten Sitten und von einem guten Leben zu einem symbiotischen Ganzen.

Die Weisheit der Loge integriert die Erkenntnisse ihrer Brüder aus den Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften sowie die angewandten Techniken und Methoden aus deren profanem Leben.

Die Weisheit der Loge zeigt sich im brüderlichen Zusammenwirken der Lehrlinge, Gesellen und Meister, die ihre Weisheiten in der Interpretation unserer Rituale und Symbole und in geordneten Gesprächen offenlegen und diskutieren.

Feinde der Weisheit sind Vorurteile und Hast, die keine Zeit für das Verstehen und Bedenken von anderen Ansichten und neuen Möglichkeiten lassen. Angst vor dem Unbekannten und Fremden steht der Weisheit oft im Wege, genauso wie Verzagtheit – die Angst vor der eigenen Courage und dem eigenständigen Urteil.

Weisheit in Verbindung mit philosophischem Denken führt meist zu durchdachten Zielsetzungen und situationsgerechtem Handeln. Sie dient der guten Weiterentwicklung unserer Bruderschaft und damit dem Bau der Humanität.

Das Licht der Stärke

Mit dem Untergang der Sonne im Westen endet der Tag. Hier steht die Säule, die das Licht der Stärke trägt. Sie ist dem 1. Aufseher zugeordnet. Er gibt den Arbeitern des Tempels ihren Lohn und entlässt sie von der Arbeit. Diese Säule symbolisiert die fachgerechte Ausführung und die Festigkeit des Tempelbaus.

Stärke führe den Bau aus.“

Stärke ist Kraft und Energie. Sie ist Leidenschaft und Ungestüm. Stärke ist die Dynamik des Angriffs, die Festung der Verteidigung und die Ausdauer der Flucht. Stärke ist Leben, das leben will.

Die Stärke der Loge ist mehr als die Summe aus der Kraft ihrer Mitglieder. Die Stärke der Loge ist eine neue Entität, sie ist die Emergenz aus deren vereinten Kräften. Die Stärke der Loge speist sich aus den Kräften der gegenwärtigen Bruderschaft und aus der beständigen Weisheit der Freimaurerei über Jahrhunderte hinweg.

Die Stärke der Loge zeigt sich im praktischen Handeln und Tun ihrer Brüder, die das Wohl ihrer Loge mehren und das Wehe von ihr fernhalten.

Die Feinde der Stärke sind Trägheit und das Unvermögen, die vereinten Kräfte der Loge für einen guten Zweck einzusetzen. Ohne wohlmeinende und richtende Leitung könnten die Kräfte der Loge wie Dampf verpuffen – kontrolliert und gerichtet kann dieser wertvolle Energie erzeugen.

Auch die Adhäsionskräfte längst überkommener und unangepasster Gewohnheiten und Regeln sowie die Fliehkräfte von Eigensinn und Streit können die Stärke der Loge schwächen.

Das Licht der Schönheit

Ebenfalls im Westen – manche sagen, es sei der Süden – steht die Säule, die das Licht der Schönheit trägt. Sie ist dem 2. Aufseher zugeordnet, der hier den Lauf der Sonne beobachtet und die Arbeiten des Tages einteilt. In der Harmonie von täglicher Arbeit und regelmäßiger Erholung wird die ästhetische Vollendung des Tempels gefördert.

Schönheit vollende den Bau.“

Schönheit ist vollendete Gestalt. Sie ist der harmonische Ausgleich der Dimensionen. Schönheit berührt uns im Innersten. Sie führt zu Entspanntheit und Gelassenheit, zu wortlosem Einverständnis.

Die Schönheit unserer Loge ist ein gelassenes Vorwärtskommen durch Einteilung der Zeit in rituelle Entspanntheit und vereintes Handeln und Tun in brüderlichem Einvernehmen.

Das dauerhafte Bemühen um ein harmonisches Zusammenwirken und nachhaltiges Üben fördert die Schönheit der Loge durch die vereinte Weisheit und die Stärke ihrer Bruderschaft.

Die Schönheit der Loge braucht regelmäßig liebevolle Pflege; Überdehnung kann sie zerreißen. Die Hässlichkeiten von Klatsch und Intrige, Streit und Unterdrückung sind Feinde der Schönheit.

Schönheit dient der Erhellung der Welt, sie soll Freude verbreiten und die Wirklichkeit den Idealen der Freimaurerei näher bringen. Wohlwollen, Humor und Disziplin sind der Putz unseres gemeinsamen Tempels.

Manchmal wird das Licht der Schönheit als das Ideal des Meisters interpretiert. Meister, allen voran der Meister vom Stuhl, sollen in der Loge wirken wie die Sonne und der Mond, symbolisiert durch die zwei anderen kleinen Lichter der Freimaurerei: stetig und zuverlässig, erleuchtend, Bruderliebe verbreitend. Ein Meister sei sich stets der Verantwortung bewusst, dass ihm seine eingeweihten Brüder der Freimaurerei als etwas sehr Bedeutsames anvertraut sind.

Werden die Stärken der Loge und ihre freimaurerischen Traditionen in Weisheit sinnvoll kombiniert und durch die Regeln des Rechtes und der Gerechtigkeit reguliert, dann können wir Freimaurer dazu beitragen, dass Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sowie Toleranz und Menschenliebe in unseren Logen und unter allen Menschen zunehmend Geltung erhalten.

Nachtrag

Im Norden unserer Loge herrscht Dunkelheit. Hier fehlen ein Licht und eine Säule. Ohne diese vierte Säule bleibt das Dach unserer Loge kippelig und instabil.

Für mich markiert diese Leerstelle im Tempel die Grenze unseres Wissens. Sie steht für das Unerforschte, das Unerforschbare und das Nicht-Sagbare. Die Leerstelle ist Symbol für die aus dem Dunkel gekommene Vergangenheit und für die im Ungewissen liegende Zukunft. Sie ist die Quelle und der Ozean. Die blaue Kerze an dieser Stelle weist den Weg, den jeder von uns zu gegebener Zeit ganz alleine gehen wird.

Das fehlende Licht im Norden symbolisiert auch die tiefe Nacht, in der die Sonne sich ausruht für den kommenden Tag.

Die drei Lichter der Freimaurerei
Weisheit, Stärke und Schönheit bilden die symbolischen Grundpfeiler freimaurerischer Arbeit. Sie stehen für Planung, Ausführung und Vollendung – und zugleich für drei Haltungen des Menschen: erkennen, handeln und gestalten.In der rituellen Praxis sind sie den drei zentralen Funktionen der Loge zugeordnet: dem Meister vom Stuhl sowie den beiden Aufsehern. Ihr Zusammenspiel gilt als Voraussetzung für ein gelingendes Logenleben – und als Gleichnis für das Streben nach Humanität.Die in der Zeichnung beschriebene „Leerstelle“ im Norden verweist darüber hinaus auf die Grenzen menschlicher Erkenntnis – und auf die Offenheit des freimaurerischen Weges, der nie abgeschlossen ist.