Liebe Brüder, liebe Leserinnen und Leser,

der Sommer 2026 liefert reichlich Stoff für die Frage, was bleibt, wenn vermeintliche Gewissheiten ins Wanken geraten? Wenn demokratische Gesellschaften rauer werden, wenn Menschen einander zunehmend in politischen und digitalen Echokammern begegnen – und wenn künstliche Intelligenz Texte schreibt, Bilder malt und Musik komponiert, die wir vor wenigen Jahren noch zweifelsfrei für menschliche Werke gehalten hätten?

Das Cover der Septemberausgabe 2026

Das Cover der Septemberausgabe 2026

Gerade der richtige Zeitpunkt, um den Begriff Humanität aus anderer Perspektive zu beleuchten. Großredner Wolfgang Böhm fragt in seiner Zeichnung zum Großlogentag: „Halten die Säulen des Tempels stand, und trägt das Fundament?“ Seine Antwort führt mitten hinein in das Selbstverständnis einer humanistischen Freimaurerei. Freiheit, Würde und Toleranz sind keine historischen Errungenschaften, die man einmal erreicht und anschließend ins gesellschaftliche Inventar stellen kann. Sie müssen gelebt, verteidigt und immer wieder neu begründet werden.

Wie unmittelbar das zur Aufgabe werden kann, führt die Zeichnung zur Würde des Menschen aus. Artikel 1 unseres Grundgesetzes ist schnell zitiert. Schwieriger ist die Frage, was diese Würde bedeutet – und welche Pflichten sich aus ihrer universellen Anerkennung ergeben. Die Positionen Kants, Camus‘, Hannah Arendts und Simone Weils lassen sich unter dem maurerischen Appell subsummieren: „Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seid wachsam auf euch selbst.“

Gerade der letzte Halbsatz verdient Aufmerksamkeit. Denn wer am rauen Stein arbeiten will, sollte wissen, mit welchem Material er es zu tun hat. Selbsterkenntnis und Lebenslüge lautet der Titel einer weiteren Zeichnung dieser Ausgabe. „Erkenne dich selbst“ stand schon am Tempel des Apollon in Delphi. Jahrtausende später bleibt diese Aufgabe brisant genug: Wie viel von dem Bild, das wir von uns selbst zeichnen, hält einer ehrlichen Prüfung stand?

Noch komplizierter wird die Sachlage, wenn ein Gegenüber die Weltbühne betritt, das dem menschlichen Geist mehr Konkurrenz macht als uns lieb ist. Das „Kunstwerk im Zeitalter seiner maschinellen Erzeugung“ entstand im Dialog zwischen einem Menschen und einer künstlichen Intelligenz. Der Text fragt, was von unserer Kunst, Kreativität und Vorstellung vom Menschen bleibt, wenn Maschinen Werke hervorbringen, ohne etwas erlebt, erlitten oder empfunden zu haben. Kann eine Ma- schine am Tempel der Humanität mitbauen?

Unsere Titelgeschichte führt in das Deutsche Freimaurermuseum, das 2027 sein 125-jähriges Bestehen feiert. Museumsdirektor Thad Peterson und Großmeister Stefan Kunnert nehmen  uns mit durch ein Haus, in dem sich drei Jahrhunderte deutscher Freimaurergeschichte verdichten: von den Bayreuther Anfängen im Jahr 1741 über die Gründung des Museums 1902, seine Plünderung durch die Nationalsozialisten und den Wiederaufbau nach 1945 bis zu einer Sammlung, die heute Wissen-
schaftlern aus aller Welt offensteht.

Hier schließt sich der thematische Kreis dieser Ausgabe. Im Keller des Freimaurermuseums in Bayreuth harren Tausende Bücher und Dokumente ihrer Auswertung. Ein Stockwerk darüber kommen Menschen durch die Tür, die vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben einer Freimaurerloge begegnen. Dazwischen stehen wir vor der Frage, mit wie viel Offenheit und Empathie wir diesen Suchenden begegnen möchten.

Ich wünsche Ihnen und euch eine anregende Lektüre.
Br. Jürgen Herda
Redaktion humanität / humanitaet.online