Von Jürgen Herda

Ingolstadt. Ich sitze im Auto vor dem Stadttor und sehe auf das massive Mauerwerk. Bin ich hier richtig – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn? Und was erwartet uns in dieser Trutzburg, die seit Jahrhunderten Schutz bietet und zugleich zum Eintritt auffordert?

Viertel vor neun. Drei Ehrenrunden um den Ingolstädter Stadtbefestigungskomplex. Keine Beschilderung, keine öffentliche Zufahrt, nur Mauern, Torbögen, winterkahle Äste. Ich bin zu früh, zu oft falsch abgebogen – und dann sehe ich ihn: ein Mann, der zielstrebig auf den Eingang zusteuert. Ein mutmaßlicher Bruder. Ich folge ihm. Hier werde ich wohl richtig sein. Es passt. Ein Logenhaus in einem Stadttor.

Lehrlingswerkstatt im Ingolstädter Logenhaus: Leo von Klenze erhielt den Auftrag zur künstlerischen Gestaltung des alten Befestigungsrings. 1839 wurde das Tor Heydeck vollendet. Foto: Jürgen Herda

Das Tor und seine Geschichte

In der Mitte des 16. Jahrhunderts erhielt Ingolstadt seinen dritten Befestigungsring. Geschützbastionen, Umwallungen, Gräben. Um 1800 geschleift, 1805 auf Anordnung von Kurfürst Max IV. Joseph teilweise erhalten. Die Idee einer neuen Festung stand im Raum. Ab 1817 erkundete Oberst Peter von Becker Material und Beschaffungswege, später prüfte Oberstleutnant Michael von Streiter den baulichen Zustand der verbliebenen Anlagen. 1828 begannen die Bauarbeiten – in einer verarmten Stadt mit wenig Ressourcen, fehlenden Handwerkern und knappen Werkzeugen.

Leo von Klenze erhielt den Auftrag zur künstlerischen Gestaltung. Aus Fassaden wurden Gesamträume, aus Toren architektonische Erzählungen. 1839 wurde das Tor Heydeck vollendet. An seiner Ostfassade stehen bis heute die Figuren von Streiter und Becker. Ihre Schilde tragen die Inschriften: „Gerecht“ und „Beharrlich“. Was sich Klenze oder König Ludwig I. dabei dachten, wissen wir nicht. Für Freimaurer sind es Tugenden von besonderem Gewicht: Gerechtigkeit als Voraussetzung von Humanität. Beharrlichkeit als Bedingung, den Tempel der Humanität zu bauen – mit vielen helfenden Händen, um die man werben muss. Beharrlich.

Empfang: Kaffee, Brezen, Vielfalt

Die gastgebenden Ingolstädter Brüder bereiten einen warmen Empfang: Kaffee, Brezen, offene Gesichter. Von den Referenten ist die Vormittagsschicht eingetroffen: Bruder Michael. Am Nachmittag wird Bruder Marius übernehmen. Bevor es losgeht, bitte ich um die Erlaubnis, für die Humanität zu reportieren und zu fotografieren. Namen sind Schall und Rauch. Interessanter ist der Querschnitt durch die Gesellschaft: ein früherer geschäftsführender Gesellschafter, heute Privatier, Motorradfahrer, Honda. Ein Fotograf. Ein Sportschütze. Ein Referent der Hochschule Landshut. Ein Refa-Fachlehrer, der von seinem verstorbenen Hund erzählt: „Das hat mich gerupft, als die kleine Madame ging.“ Und sogar ein brasilianischer Theosoph, seit langem in Bayern, ist unter uns.

27 Teilnehmer. Anwalt, Bundeswehr-Ausbilder, Krankenpfleger, Ingenieur, Integrationsbeauftragter, Konzern-Geschäftsführer, Student. Regional verwurzelt, mit Lebensstationen von Augsburg über Brasilien bis Würzburg. Leidenschaften: Kinder, Katzen, Familie, Motorrad, Rudern, Portwein, Wirtshaus. Altersspanne: vom späten Twen bis zum Rentner.

Lehrlingswerkstatt im Ingolstädter Logenhaus: Leo von Klenze erhielt den Auftrag zur künstlerischen Gestaltung des alten Befestigungsrings. 1839 wurde das Tor Heydeck vollendet. Foto: Jürgen Herda

Der Bruder und das Licht

Der Impulsvortrag von Bruder Michael trägt den Titel: „Der Bruder und das Licht“. Eine Reise durch die Geschichte der Bruderschaft. Der Begriff sei ambivalent, mal positiv, mal negativ besetzt. Ein etymologischer Exkurs: gotisch broþar, broþralubo – Bruderliebe. Erste Mönche nennen sich Brüder, fratres. Das Kloster als soziale Familie mit klaren Aufgaben: Heilkunde, Garten, Küche, Schreibstube. Verantwortung füreinander, weitgehende Autarkie. Später wird die Frau, die Kranke pflegt, zur Krankenschwester.

Verbrüderung, so Michael, bezeichne eine tiefgreifende menschliche Beziehung. In der Freimaurerei bedeute der Bruderbegriff einen geschützten Raum, einen Rückzugsort vor der profanen Welt – aber keine Weltflucht. Gerade durch diesen Raum lerne der Bruder, sich in der Welt zurechtzufinden.

Tempelarbeit und Werkzeuge

Die Tempelarbeit geht auf die mittelalterlichen Bauhütten zurück. „Wir bauen keine Kathedrale mehr“, sagt Michael. „In der spekulativen Freimaurerei arbeiten wir an uns selbst – an unserer Persönlichkeit und am Tempel der Humanität.“ Die Werkzeuge sind Symbole des Weges:

  • Der Lehrling arbeitet mit 24-zölligem Maßstab und Spitzhammer am Rauen Stein.
  • Der Geselle mit Hammer, Meißel, Lineal, Stemmeisen und Kelle am Kubischen Stein.
  • Der Meister arbeitet am Reißbrett mit Maßstab, Winkelmaß und Zirkel.

Der Suchende zeigt Vertrauen beim Aufnahmeritual, begibt sich in die Hände eines Bruders, geht mit verbundenen Augen auf Reise. „Schau in dich, schaue um dich.“ Perspektivwechsel durch die Augen der Mitbrüder. Ein Bruder kann auch Reibung sein. Konkurrenz. Konflikt. Kain und Abel. Neid, Missgunst. „Das Logenhaus bietet eine Lehrlandschaft, solche Gefühle zu erkennen und zu überwinden.“

Lehrlingswerkstatt im Ingolstädter Logenhaus: Leo von Klenze erhielt den Auftrag zur künstlerischen Gestaltung des alten Befestigungsrings. 1839 wurde das Tor Heydeck vollendet. Foto: Jürgen Herda

Vom Licht zur Läuterung

Der Schritt von der Unwissenheit zur Erkenntnis wird als erstes Licht beschrieben. Nicht Wissen allein ist gemeint, sondern innere Reifung, das schrittweise Lösen von Täuschungen, das Streben nach Vollkommenheit.

Für die Alchemisten ging es um Transmutation. Der Stein der Weisen. Die magische Verwandlung in Gold. Auch in der Freimaurerei sollen Brüder zu „edlen, goldenen Wesen“ werden – im Sinn innerer Harmonie, nicht äußerer Perfektion. „Das ist kein einsamer Pfad“, sagt Michael, „sondern ein kollektives Unterfangen.“

Instruktion und Praxis

Es folgen Hinweise zum Verhalten bei Logenbesuchen: Kleiderordnungen, Tempelarbeit, Trauerloge, Brüderabend, Lichterfest. Andere Logen, andere Facetten. Der hohe Hut als historisches Zeichen des freien Mannes. Als Lehrling besucht man andere Logen in Begleitung des Bürgen, als Geselle reist man durch Deutschland, als Meister weltweit.

Der Lehrlings-Katechismus sollte beherrscht werden – mindestens die ersten 15 der insgesamt 41 Fragen. „Die Prüfungsfragen kommen spätestens bei der Beförderung zum Gesellen.“ Wissenslücken sind menschlich. „Frage vorher! Wie macht ihr das?“ Die Patentlösung für fast alles.

Tafelloge: Liebesmahl und Ordnung

Die Tafelloge als eigenes Lehrfeld. Historisch französisch geprägt, später in Deutschland übernommen. Keine Tempelarbeit, aber auch kein gewöhnliches Mahl. „Die unio mystica der Tafelloge ist eine Einheit ohne Auflösung der Person“, sagt Michael. „Nicht: Ich werde eins mit dem Ganzen. Sondern: Wir halten gemeinsam eine Form aus, die größer ist als wir.“

Agape. Liebesmahl. Vor-sakramentale Gemeinschaft. Die Parallele liege nicht im Glaubensinhalt, sondern in der Form: Viele – ein Tisch – ein Maß – ein Geist.

Lehrlingswerkstatt im Ingolstädter Logenhaus: Leo von Klenze erhielt den Auftrag zur künstlerischen Gestaltung des alten Befestigungsrings. 1839 wurde das Tor Heydeck vollendet. Foto: Jürgen Herda

Gespräche in der Pause

In der Rauchpause treffen ein ehemaliger Change-Manager mit Berufsjahren in Zagreb, und ein Bruder aus dem Nordosten Kroatiens aufeinander. „Wahnsinn, wie klein die Welt ist.“ Es geht um die Digitalisierung der Humanität. Dozent Michael sagt klar: „Ich brauche kein Print. Das ist Ressourcenverschwendung. Digitalisierung ist der richtige Schritt.“

Der Tempel

Dann die Besichtigung des Tempels. Bruder Marius übernimmt. „Wenn der Tempel geöffnet ist, ist er ein Tempel. Wenn nicht, nur ein Raum.“ Der Tempel als Abbild des salomonischen Tempels. Der Osten, das Licht, die Zahl Drei, die Reise, die Grade. Geometrie als Sprache des Universums. Drei Säulen – ein dreibeiniger Stuhl steht stabiler als ein vierbeiniger.

„Wir haben die Säulen bewusst gespiegelt“, sagt Marius. Perspektivenwechsel als Prinzip. Verstehen durch Spiegelung.

Lehrlingswerkstatt im Ingolstädter Logenhaus: Leo von Klenze erhielt den Auftrag zur künstlerischen Gestaltung des alten Befestigungsrings. 1839 wurde das Tor Heydeck vollendet. Foto: Jürgen Herda

Aufnahme: Gleichheit im Moment

In der Gruppenarbeit sprechen die Brüder über ihre Aufnahme. Angst, Nervosität, Vertrauen. Keine Ablenkung. Stolz. „300 Jahre hat jeder Bruder dieses Ritual durchgemacht – und ich bin jetzt einer von ihnen.“

„Es ist der Moment, in dem wir gleich werden“, sagt Marius. „Egal ob Professor oder Bettler.“ Ein Bruder bringt es auf den Punkt: „Ich bin mit 16 von zuhause raus, war mir nie sicher, ob es jemanden gibt, auf den man sich verlassen kann – und hatte hier zum ersten Mal das Gefühl: Die sind auch für mich da.“

Schluss

Am Ende bleiben Fragen. Über Kultur, Religion, Universalität. Antworten, die nicht abschließend sind. Und der Satz: „Das könnt ihr hinaustragen in eure Loge.“

Ein Tag im Logenhaus der Ingolstädter Freimaurerloge „Theodor zur festen Burg“ – reich an Stoff für weitere Gespräche. Für mich Gedanken auf der langen Fahrt nach Iserlohn, zur Loge „Zur Deutschen Redlichkeit“, die mich eingeladen hat, die neue digitale Humanität vorzustellen.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Lehrlingswerkstatt im Ingolstädter Logenhaus: Leo von Klenze erhielt den Auftrag zur künstlerischen Gestaltung des alten Befestigungsrings. 1839 wurde das Tor Heydeck vollendet. Foto: Jürgen Herda

Ungehörte Denkanstöße

Am Ende heißt es nicht im Sinne Brechts „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“  Dennoch nimmt Seminarleiter Marius die vorbereiteten Gruppenarbeiten wieder unverrichteter Dinge mit nach Hause. „Das wäre zu viel geworden“, sagt er zurecht. Damit die Denkanstöße nicht gänzlich ungehört bleiben, seien sie an dieser Stelle kurz erwähnt. Eine Gruppe hätte sich den Ursprüngen der Freimaurerei genähert: den Bauhütten, ihren Ordnungen und der Idee, dass Freiheit immer auch eine Form braucht. Eine weitere hätte das Menschenbild der Aufklärung in den Blick genommen – Vernunft, Maß und den Gedanken, dass Vervollkommnung kein Zustand, sondern ein Weg ist.

Andere Fragen zielten auf Verschwiegenheit als Tugend des Vertrauens, auf die Symbolsprache der Freimaurerei mit ihren bewusst offenen Bildern und schließlich auf das Spannungsfeld von Ordnung und Offenheit: Wie viel Regel braucht Freiheit, und wo beginnt Verbindlichkeit? Kurz gesagt: Ein weites Feld, das wir da hätten begehen, und besichtigen, aber beileibe nicht beackern hätten können. Die Fragestellungen bleiben uns als Einladung erhalten, uns bei anderer Gelegenheit mit ihnen zu beschäftigen. Dafür gibt es ja die Lehrlingswerkstätten.