Hannover. Der Tod entzieht sich unserem Begreifen – und prägt doch unser Leben wie kaum ein anderes Thema. Zwischen Angst, Hoffnung und Nüchternheit suchen wir nach Halt im Unausweichlichen. Und nach einer Sprache, die trägt, wenn Worte kaum mehr ausreichen.

Von Bruder Bodo Dannhöfer, Distrikt Niedersachsen/Sachsen-Anhalt

Der Tod ist Gewissheit – und bleibt doch ein Rätsel. In der Auseinandersetzung mit ihm begegnen sich persönliche Erfahrung, kulturelle Deutung und philosophische Reflexion. Die Gedanken von Franz-Josef Wertz bilden dabei den Hintergrund eines Textes, der sich nicht mit schnellen Antworten begnügt, sondern das Spannungsfeld von Furcht, Trost und Sinn behutsam ausleuchtet.

Wenn der Lebensfaden reißt

Oft ist die Furcht vor einem Ereignis schlimmer als das Ereignis selbst. Das gilt auch für den Tod. Denn er dauert nur einen kurzen Moment. Vor diesem letzten Augenblick, wenn der Lebensfaden reißt, herrscht oft eine diffuse Angst. Er kann nur ein einziges Mal erlebt werden und es fällt schwer den letzten Atemzügen nur wenig Bedeutung beizumessen. Das Spektrum der Vorstellungen, was danach kommen mag, ist vielfältig. Es reicht von paradiesischen Fantasien bis zur Nüchternheit, dass nach dem Tod nichts folgt und dass dem eigenen Ende kein Zauber innewohnt.

Psychologisch ist das Ausscheiden aus der Welt wohl die größte Zumutung, mit der sich der Mensch nur schwer arrangieren kann. Es erscheint fast wie eine Beleidigung, dass die Welt sich nach dem eigenen Vergehen unbeeindruckt weiterdreht. Es fällt zumeist sehr schwer die eigene Vergänglichkeit anzunehmen. Die Furcht vor dem Tod kann für den Ahnungslosen ein ganzes Leben dauern. Somit stellt der Tod ein existenzielles Ärgernis ersten Ranges dar. Dabei ist der Tod ein so entscheidendes Erlebnis wie die Geburt. Er ist ein Gegner, der nur durch Umarmung überwunden werden kann.

Die Mutter aller Ängste

Todesangst ist bei jedem Menschen vorhanden und die Mutter aller Ängste. Auch, wenn sie geleugnet wird. Der betont lockere Umgang mit dem Tod gründet sich bei den meisten Menschen oft auf gedankenlose Aussagen, Prahlereien oder Fluchtstrategien vor dem großen Grauen. Die Kunst des Sterbens ist eine hohe, sie zu erlernen erfordert Mut und dauert lange.

Der Tod ist das Überschreiten der finalen Schwelle. Auf dieser Einbahnstraße führt kein Weg zurück. So eindeutig der Tod ist, so unklar ist er auch. Einerseits ist er etwas Banales, denn gestorben wird auf dem Planeten Erde jeden Tag millionenfach. Andererseits sehnt sich der Mensch nach einem persönlichen Sinn des Todes. Deshalb scheint der Tod eine allgegenwärtige und doch unlesbare Hieroglyphe zu sein. Der Hüter eines dunklen Mysteriums.

Deutungen des Unzugänglichen

Der Tod kann nicht erlebt werden, er widerfährt einem. Dabei gibt er seine Geheimnisse nicht preis und bleibt in seinen Umrissen verschwommen. Vielleicht suchen Menschen deshalb in Religionen nach Antworten. Diese geben vor, die Schlüssel zum chiffrierten Mysterium in den Händen zu halten. Doch hier finden sich nur neue Umschreibungen und Deutungen des Unzugänglichen. Die Bezirke des Todes sind und bleiben verschlossene Sphären.

Religiöse Menschen glauben, dass der Tod nicht das Ende, sondern ein Durchgang in ein anderes, glückliches Leben ist. Vielleicht vereinfacht es der Glaube mit seinen Heilsversprechen das dunkle Tor des Todes leichter durchschreiten zu können. Denn Religionen kombinieren die Todesangst der Menschen mit ihren Sehnsüchten und Wünschen nach Leben und Liebe. Das schwächt zumindest die Angst vor dem Tod.

Garant für neues Leben

Naturalisten hingegen sehen den Tod als Garant für neues Leben. Eine Generation steigt ins Grab, um einer neuen Platz zu machen, so ihr Argument. Entsprechend sei der Tod kein Geheimnis, sondern das natürliche Ende eines individuellen Wachstumsprozesses, der sich Leben nennt.

Doch diese Versprechungen und Argumente helfen nur eingeschränkt. Im Angesicht des Todes, im Zustand der höchsten emotionalen Not, sind viele für Heilsbotschaften oder Erkenntnisse nicht mehr erreichbar. Da dieses Drama nicht vollständig bewältigt werden kann, hilft Trost. In ihm liegt Entlastung. Trost ist eine Überbrückung, Ablenkung, im besten Fall ein Ersatz. Nur stellt er keine Lösung dar. Tröstungen helfen dabei, Probleme auszuhalten. Sie können Tote nicht wieder zum Leben bringen oder das eigene Leben verlängern. Doch Trost schafft Abstand zum Problem und lindert es dadurch.

Leben mit dem Tod

Höher als die Wahrheit über den Tod steht die Frage, ob und wie sich mit diesem unbequemen Begleiter leben lässt. Sobald das Thema des Todes unerträglich zu werden droht, neigen viele Menschen dazu, sich mit Lügen über die Tatsachen von ihm zu erholen. Sie gehen Freiheiten, Fehltritte, Kompromisse ein und diese werden meist unter dem Wort „menschlich“ subsummiert.

„Weisheit entsteht durch Leiden“ spricht der mykenische König Agamemnon (im ersten Teil der Orestie, Aischylos, 458 v. Chr.), und leiden wollen die wenigsten. Deshalb ist es nicht immer ratsam, Sterbenden gegenüber alles auszusprechen. Hier wird oft leichter als üblich mit den Widersprüchen des Lebens umgegangen. Auch „ein nicht so genau nehmen“ im Umgang mit dem Tod kann sich fördernd für die Lebensqualität der letzten Tage auswirken. Selbst wenn das Ende schon in Sichtweite ist, haben die meisten Sterbenden noch Hoffnung einen Aufschub zu bekommen. Somit darf der humane Trick angewendet werden, hässliche Wahrheiten zu schönen. Denn beim Umgang mit dem Moribunden gilt: Was dem Sterbenden hilft und stärkt ist erlaubt.

Trauer unerwünscht

Trauer ist eher unerwünscht. Denn in einer hochproduktiven Gesellschaft herrscht die soziale Erwartung, möglichst uneingeschränkt zu funktionieren. Viele wissen auch nicht angemessen mit Trauernden umzugehen. Trauern heißt Abschied nehmen zu können, auch zu akzeptieren, dass verlorene Menschen nicht zurückkommen und schließlich die neue Lebenssituation anzunehmen. Das ist ein schmerzvoller Prozess und er kostet viel Zeit sowie Kraft. Manche Trauernden können erst nach hohem Aufwand diesen dämmrigen Pfad verlassen.

Der Tod ist ein existenzielles Problem. Er bleibt eine menschliche Überforderung, wenn man sich ihm nicht stellt. Freimaurer treten dem großen Gleichmacher mutig entgegen. Im Meistergrad werden die Themen der Vergänglichkeit bearbeitet. Durch die Begegnung mit der Endlichkeit erreicht der Freimaurer die benötigte Reifung seiner Lebensaufgaben und erfährt dadurch Komplettierung. Das Geheimnis des Lebens ist mit dem verlorenen Meisterwort verklausuliert. Es ist die gleichnishafte Umschreibung des Steins der Weisen, des Sinns des Lebens.

Die eigene Endlichkeit verstehen

Der Meister erhält eine neue, sehr viel größere Perspektive. Dadurch kann er den Weg von der bewusstseinszentrierten Ich-Einstellung verlassen und zu einem reiferen Selbst in Sinne der Individuation kommen. Er betritt eine höhere Bewusstseinsstufe, die Metaebene. Von hier kann er sich das Menschliche und vor allem sein Handeln sozusagen von oben anschauen. Nur wer seine Endlichkeit versteht, kann seinem Leben einen tieferen Sinn verleihen. Dieser Sinn ist an die eigenen Werte gebunden. Wer seine Werte wahrhaftig werden lassen kann, erfährt Erfüllung.

Doch der Meistergrad ist nicht das Ende der Freimaurerei, sondern der vollendete Anfang. Wenn der Maurer die Kunst der Meister recht versteht, verliert er seine Angst vor dem Tod und findet das Leben.

Bodo Dannhöfer beschäftigt sich mit Franz-Josef Wertz‘ kultureller Deutung und philosophischer Reflexion des Themenfeldes „Tod“. Foto: privat

Zum Autor
Bruder Bodo Dannhöfer ist Magister Artium der Geschichte und Politikwissenschaft, Redner des Distrikt Niedersachsen/Sachsen-Anhalt der GL A.F.u.A.M.v.D. und Mitglied der Loge „Baldur“ in Hannover. Dieser Text basiert auf dem Buch: Tod, Trauer, Trost von Franz-Josef Wertz, 2022.HIER geht’s zur Buchbestellung